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Der Baum

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Frankfurter Rundschau, 4. Dezember 1993

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Es klingt der Baum, der mal war

Die E-Gitarre -- Über einige Geheimnisse des erotischsten aller Instrumente

Man sollte die Aufforderung nicht allzu ernst nehmen: "Üben, üben, üben!" steht an der Wand, handgekritzelt. Darunter hängt ein Schwarzes Brett mit ständig wechselnden Angeboten: „Best of Rolling Stones", „Grundlagen der Jazzgitarre", „Jammerhaken" -- was immer des werdenden Gitarristen Herz begehrt, es wird gelehrt.

Einer der beiden Gründer des „Guitar Center" im Frankfurter Westend ist weit über die Grenzen des Landes bekannt: Volker Kriegel, ebenso Jazzrocker von Provinienz wie unterbewerteter Schriftsteller. Den anderen, Peter Coura, kennen nur Insider. Der Mann, Jahrgang 1947, hat keinen Beruf, den man landläufig „ordentlich" nennen würde: Coura ist ebenso Gitarrist wie Gitarrenlehrer wie -- und darum geht es hier -- Gitarrenbauer.

Der Bauer zieht eine exotische Frucht: Elektrogitarren. „Ein Berufsbild dafür gibt es nicht", sagt Coura. Das nimmt wunder. Schließlich ist die Elektrogitarre nicht nur das Instrument der Popmusik nach 1945, sondern seit Ende der sechziger Jahre auch der meistbegehrte Tonerzeuger der Welt. 1972 wurden allein in den USA 2,5 Millionen E-Gitarren verkauft. Noch 1989 waren es 1,4 Millionen (gegenüber nur 140.000 Klavieren). Auch in England, Deutschland oder Japan sehen die Zahlen ähnlich aus. Seit Synthesizer und Drumcomputer im Pop wieder einen faden Geschmack hinterlassen (was hart schuftende, schwitzende Vollblutmusiker mit später Genugtuung registrieren), verzeichnet der Fachhandel nahezu einen Run auf die klingenden Umhängetaschen aus Hartholz, Kunststoff und Edelstahl. Peter Coura registriert die neue Begeisterung für das junge Traditionsinstrument mit trockenem Humor: „Die Leute haben inzwischen eben begriffen, daß ein Keyboarder auf der Bühne gegen einen Gitarristen nun mal aussieht wie eine besser bezahlte Schreibkraft."

Wer heute ein „Brett" oder eine „Axt" (Musikerjargon für die E-Gitarre) in die Hand nimmt, weiß, daß er Abermillionen von ähnlich gesinnten Konkurrenten hat. Nicht nur die Stückzahlen sind imposant, sondern manchmal auch die Preise. Ein ziemlich beliebiges Exemplar der Fender Stratocaster, das Jimi Hendrix lange Zeit spielte und das seine Bühnenorgien auf wundersame Weise überlebt hat, erzielte 1990 bei einer Auktion einen Erlös von 200.000 englischen Pfund -- fast den Wolkenkuckucksheim-Kurs einer Stradivari-Geige.

Die Amerikaner nennen eine Stradivari ziemlich respektlos „Strad" (sprich: strääd). Analog dazu heißt das erfolgreichste Musikintrument der Welt, eben die Elektrogitarre der Marke Fender Stratocaster, „strat" (sprich: stratt).

Das anmutig geformte Stück Holz mit den drei schräg eingelassenen Tonabnehmern und dem zierlichen Vibratobügel (im teutonischen Musikerjargon gern „Jammerhaken" genannt) ist eine schwer erklärbare Ikone der Rockmusik. Es gibt sie seit fast 40 Jahren. Rund um den Globus feierten Musikgazetten und Radiosender etwas verfrüht den Geburtstag der eleganten, ebenso spröden wie warmherzigen Diva. Ihre raffiniertesten Liebhaber wurden schon zu Lebzeiten Legenden: Jeff Beck, Eric Clapton, Jimi Hendrix, Ritchie Blackmore, Rory Gallagher, Lowell George, Mark Knopfler, Stevie Ray Vaughn -- die Liste ihrer Verehrer ließe sich beliebig fortsetzen. Die Strat war nach der „Telecaster" (kurz „Tele"), der ersten Vollholz-E-Gitarre der Welt, der zweite Wurf des amerikanischen Rundfunk- und Fernsehtechnikers Leo Fender -- sie hat in Rekordtempo Kulturgeschichte gemacht und bildet bis heute das Gen für Klones in aller Herren Länder.

Die zweite Lieblingsgespielin weltbekannter Fingerfummler stammt aus dem Hause Gibson und heißt hierzulande liebevoll „Paula". Sie ist üppiger, schwerer, lauter als die schlanke Strat, sozusagen ein brüllender Hausdrache. Techniker können das leicht erklären, denn Paula wird im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern mit Doppelspultonabnehmern bestückt; die verursachen weniger Brummen, machen aber wegen ihrer Physik einen umso volleren Ton und umso mehr Lärm. Paula wurde in die Welt gesetzt vom Jazzmusiker Les Paul, der sich wahrscheinlich nie hätte träumen lassen, welche Krachlawine er damit lostrat. Vermarktet von Gibson, war sie bald erste Wahl bei Blues- und Hardrockern. Paul Kossoff von Free hat sie gespielt, ebenso wie Jimmy Page von Led Zeppelin oder Duane Allman oder Gary Moore. Fans des Paula-Klangs wurden jedoch häufig abtrünnig: Gravitation und Kondition ließen Stars wie Pete Townshend, Carlos Santana oder Angus Young (AC/DC) sc hon früh auf die elektronisch fast baugleiche Light-Version namens „SG" zurückgreifen: Eine echte Paula ruiniert mit ihrem Hartholzgewicht eben schnell die Schulter gebrechlicher Gitarrenheroen.

In Peter Couras Laden herrschte, wie er selber sagt, bis Anfang der achtziger Jahre "striktes Strat-Verbot". Der Traditionalist mochte sich zunächst nicht an das unvermeidliche Brummen einspuliger Tonabnehmer gewöhnen und griff -- eine Marotte der meisten Jazz-Zupfer -- am liebsten zu Halbresonanzgitarren; die stellen zwar eine Promenadenmischung aus Wanderklampfe und "Axt" dar, tönen aber, meinen Inhaber feiner Ohren, "natürlicher". Inzwischen spielt Coura selber eine Strat, "weil die nicht von alleine elegant klingt" und "weil man im Alter die Höhen nicht mehr so gut hört". Seine Sirene ist auf ihrer edlen Sen-Esche hellblau "mit echtem Cadillac-Lack" geschminkt.

Fetischismus gehört bei E-Gitarristen zur Sexualität. Die "Finish" genannte Lackierung mal mehrfarbiges "Sunburst" in fließenden Tönen, mal knallharte Autofarbe gehört ebenso wie Kratzer auf dem "Body" zur Persönlichkeit einer Gitarre: sie sind Sommersprosse, Leberfleck und geliebte Narbe in einem. Form und Dicke des "Halses" sind virtuosen Spielern häufig wichtiger als der Körperbau der Lebensgefährtin; Dessous wie Schlagbrett, Mechaniken, Brücken und Stege können Verzückung auslösen. Und generell gilt: je älter, desto besser. Das ist nicht immer richtig, wird aber von Musikfans auf dem ganzen Globus geglaubt; so ist das mit Religionen . . .

Immerhin stimmt: Eine Gitarre will benutzt werden. Kleinanzeigen, in denen klamme Musikfreaks ihr Tafelsilber mit dem Argument "kaum gespielt" oder "mint condition" feilbieten, gelten unter Experten als Schuß ins eigene Kontor. Da Holz selbst nach jahrzehntelanger Lagerung nie wirklich tot ist, geschlagene, zu Brettern zersägte, gebeizte oder gar lackierte Bäume sich schon im Möbelbau posthum wehren (was die Industrie dazu veranlaßte, den störrischen Stoff zu einem Granulat namens Spanholz zu raspeln, das im Gitarrenbau aber kaum Verwendung findet), ist jedem sensiblen Gitarristen klar: Es klingt der Baum, der mal war.

Bis dahin sind freilich einige Schritte vonnöten. Und es gibt nur wenige Experten auf der Welt, die den mühsamen, an Fallen reichen Weg vom rohen Holz zum singenden, jaulenden, Fan- und Musikerherzen einnehmenden Instrument so gut kennen wie der Frankfurter (Auto-)Didakt im Souterrain.

Der Schreinersohn kam ohne Plan zu seinem internationalen Renommee. Seine erste Guitarre baute er als Schüler einem Banjo nach und wunderte sich "damals enorm", daß man dafür sechs statt vier Saiten brauchte. Als er 25 Jahre später im April 1975 mit Volker Kriegel das "Guitar Center" gründete, hatte die Zunft der E-Gitarrenbaür nahezu abgewirtschaftet. Die Firmen mit den klangvollen Namen Fender, Gibson, Guild, Rickenbacker boomten zwar nach dem Erfolg, den die Rockmusik ihnen beschert hatte, aber sie ließen ihre Fans jämmerlich im Stich. Die Väter der Elektrogitarre, Leo Fender und Les Paul, hatten sich aus ihren Firmen verabschiedet und lasen ihre guten Namen nur noch auf den Köpfen schlampig gefertigter "Bretter" aus minderwertigen Hölzern; und da die Tüftler kaum Gedanken an Patent- und Gebrauchsmusterschutz verwendet hatten, überschwemmten Japan-Kopien ihrer Erfolgsinstrumente zu Dumpingpreisen den Markt. Di e Nach-Woodstock-Generation guckte in ihre Taschengeldbeutel und kaufte unkritisch massenhaft Schrott.

Sogar Profimusiker fühlten sich bald gelackmeiert. Im Rahmen sogenannter Endorsement-Verträge baute ihnen die Industrie gute Einzelstücke und "verarschte dann mit den Kopien vom Fließband die Kundschaft der Teens" (Coura).

Laien mag es verblüffen: Trotz aller Elektronik, die sich bei manchen Handlungsreisenden der Saitenzunft in meterhohem "effect racks" Platz macht und die inzwischen Legionen schleppender Roadies und japanischer High-Tech-Ingenieure beschäftigt, bildet die Schreinerkunst noch heute die Basis des Erfolges in der populären Musik. Erst abgelagerte edle Hölzer -- Ahorn, Esche, Ebenholz oder Mahagoni -- garantieren den wirklich guten Ton. Dabei bilden sie nur das Fundament: Die Lärmberge, die eine E-Gitarre mit Verstärker in Richtung stadionfüllender Publika zu versetzen vermag, erfordern auch Uhrmacherwerkzeug.

Allein 46 kleine Imbusschlüssel unterschiedlicher Größe und Nationalität braucht der E-Gitarrenbauer in seiner Werkstatt, um die ihm verhaßten "klinischen Fälle" zu lösen, die er häufig ambulant behandeln muß, denn Musiker auf Tournee haben meist wenig Zeit: gebrochene Hälse, herausgerissene Stege, ruinierte Metallteile, verschlissene Reiter. Mini-Schrauben und Muttern aller Länder muß er bestellen, beherbergen, sortieren -- kein Spaß. Und zwischendurch, zwischen Fräse, Lötkolben, Schraubenlager, berät er den Nachwuchs, gibt Unterricht, kümmert sich nahezu väterlich um die Frankfurter Musikszene. Wohl darin besteht ein Geheimnis des Baus guter Gitarren: Coura ist selbst ein versessener Musiker. Er liebt und kennt den Menschen hinter dem Instrument. Er kann noch heute davon schwärmen, bei einem zufälligen Clubbesuch vor vielen Jahren einen unbekannten Gitarristen gehört zu haben, der „m it den Fingern so wundervoll weinte" -- das hat ihn gleich dazu animiert, den Noname als Kleinkunden zu engagieren.

In sein meist unaufgeräumtes, der Chaos-Theorie gewidmetes Souterrain stolpern nicht nur beratungsbedürftige Sextaner in Begleitung ihrer Eltern; um die kümmert er sich wie ein ehrbacher Schuhmacher. Zu seiner Kundschaft zählen von Anfang Jazzgrößen an wie Eberhard Weber oder Steve Swallow.

Manchmal rauft sich Coura aber gerade bei seiner Star-Kundschaft das schüttere Haar. Als Peter Maffay zum sechsten Mal seine zerborstene Lieblings-Telecaster in die Klinik brachte, wollte Coura einfach nicht mehr glauben, daß die „nur mal wieder auf der Bühne umgefallen" sei: Maffay beichtete seinen Jähzorn, den Mitmusiker und Equipment manchmal schmerzhaft zu spüren bekommen, und gelobte Besserung. Markus, Star der Neuen Deutschen Welle vom Beginn der achtziger Jahre („Gib Gas, ich will Spaß"), schleppte ihm nach zehn Jahren nun ein rundrum giftgrün gespritztes Exemplar seiner alten Stratocaster ins Haus und flehte: „Mach' sie wieder original." Für Coura war das „ein hoffnungsloser Fall". Er kennt das Instrument: „Ursprünglich ein wunderbares Stück, naturholzlackiert."

Sein Grauen vor solchen „Sünden der Profilneurose" ist nachvollziehbar. Normalerweise, gesteht Coura, leide er schon unter „Entscheidungsschwäche", wenn es nur darum geht, mit dem Blick eines Beckmessers ein Stück guten alten Ahorns in Hals und Korpus aufzuteilen: „Ich brauche manchmal Wochen, um die Säge anzusetzen." Wie am Ende „die Jare liegen" (die Maserung), verursacht ihm Kopfzerbrechen, von denen ein Hitparadenhörer, aber auch mancher sogenannte Musiker keine Vorstellung hat. Gutes Holz, das etwa 20 Jahre abgelagert sein muß, ist heute schwer zu kriegen, teuer und auch dem E-Gitarrenbauer heilig.

Die Geschichte der Popmusik besteht aus Tratsch, und viele ihrer Legenden ranken sich wie Girlanden um die heißgeliebten Instrumente der Stars. Was im megawattstarken Scheinwerferlicht der Bühne glitzert, gelegentlich prominent auf Plattencovern abgebildet wird, von Roadies rund um den Erdball wie ein rohes Ei transportiert werden muß, ist häufig das Spiegelbild einer Musikerseele. Anders als Jimi Hendrix, der seine Strats (immerhin höchstpersönlich) gleich im Dutzend einkaufte, um eine nach der anderen während der Bühnenshow nach kurzer Waschbenzinsalbung abzufackeln, oder Pete Townshend, der Unmengen von Gibson-SGs in hallenbreiten Marshall- und Hiwatt-Lautsprecherwänden zu Kleinholz zertrümmerte, gilt den meisten Gitarrenhelden das Instrument als Lebensgefährtin, von der man sich nicht leichtfertig trennt.

Wie weit die Verehrung des Instruments gehen kann, offenbarte Altmeister Jeff Beck dem amerikanischen Fachblatt „Guitar Player": Beck widmete seine neueste, fast Note für Note imitierte Platte dem vergessenen Gene-Vincent-Gitarristen Cliff Gallup („Be Bop A Lula", „Race with the devil" usw.). Gefragt, welche Gitarre er bei den Aufnahmen zur Coverversion des Vincent-Hits „Say Mama" gespielt habe, antwortete er: „Das war eine weiße Strat, eine 62er." Merke: „eine weiße". Um einen bestimmten Klang zu erreichen, zieht Beck manchmal sogar gebrauchte Saiten auf; Stunden kann er damit verbringen, das richtige Plektrum für ein bestimmtes Stück auszuwählen.

Solche Detailbesessenheit, die manchem wie Humbug vorkommen mag, kennt Coura zur Genüge. Er jobte lange Zeit als Bühnenhelfer von Frank Zappa, Emerson, Lake & Palmer und anderen internationalen Bands. Sein Entrée in die Weltliga der Instrumentenbauer verdankt er nicht nur seinem Partner Volker Kriegel. Zum ungeahnten Durchbruch verhalf ihm gleich bei Firmengründung Eberhard Weber, für den er einen Standbaß baute, der ihn daraufhin gleich an Steve Swallow weiterempfahl, der damals bei Gary Burton spielte, der wiederum von Couras Sonderanfertigung (es handelte sich nur um den Umbau eines Basses) so verzückt war, daß er bei der Vorführung (Coura: "Mir schlotterten die Knie") nahezu die Hotelzimmertür des Münchner Hilton eintrat, um zu bekunden: "That's the bass sound I wanna have in the band!" Den Rest des Schneeballeffektes kann sich jeder vorstellen, der weiß, daß die Welt ein Dorf und Klatsch ein Phänomen der Tele- und Massenkommunikation ist.

Damit hat Coura inzwischen ein Problem. Wie die meisten seiner individuell werkelnden Kollegen sieht er "derzeit keine Chance, den geweckten Bedarf wenigstens mit Kleinserienfertigungen zu befriedigen". Alle Versuche, gelungene Einzelstücke mit CAD/CAM-Methoden auf dem PC zu reproduzieren, scheiterten bislang an der Tücke des Objekts und der Inkompatibilität der sägenden und fräsenden Maschinen -- zu kurvenreich ist eine gute E-Gitarre. Im Umgang mit Holz ist eben Sorgfalt angesagt oder, wie Enzensberger es einmal in anderem Zusammenhang ausdrückte, "die Liebe des Metzgers zu seiner Sau".

Der verkrachte Musik- und Soziologie- Student Coura sieht seinen Marktwert gelassen und kümmert sich fast nur um Stammkunden. Für die ist ihm kein Aufwand zu hoch. Dennoch: Auch Michael Sagmeister oder die inzwischen international gefragte deutsche Gitarristin Susan Weinert müssen Geduld üben, bis Coura ihnen das Wunschinstrument, den Maßanzug des Musikers, zur Anprobe überreicht. Manchmal taxiert er nächtelang den Schwerpunkt des Holzes, damit das "Brett" nicht kopf- oder fußlastig ausfällt, er mißt Oberkörper- und Armlänge, um die richtige Mensur zu wählen, wickelt manchmal gar die Tonabnehmer per Hand, weil er meint, daß das besser klingt.

Seine Expertise will er "keinem Konzern verdingen", obwohl es an Angeboten nicht gemangelt hat. Er berechnet musikwilligen Schülern nur die Hälfte des heute üblichen Handwerkerlohnes und scheucht Profis, die bei ihm Rabatte ergaunern wollen, mit dem Argument aus dem Laden: "Soll ich euren Vorteil etwa den Kids aufbürden, die sich schon einen neuen Satz Saiten vom Taschengeld absparen müssen!?"

Coura weiß: E-Gitarrespielen ist ein teures Hobby. Schließlich spielt man zwei Instrumente. Wann immer er mit seiner Bassistin und Sängerin Lexi (Alexandra Kercher) auftritt, steht auf den Veranstaltungszetteln: "Peter Coura Gitarre und Verstärker". Das Wechselspiel zwischen "Brett" und "Brikkett" (Musikerjargon für den klassischen Gitarrenverstärker) ist ihm bewußter als den meisten, die sich mit den sechs Sex-Saiten beschäftigen. Coura nennt sein Duo konsequent "Halbquartett".

Reduktion -- das scheint auch das Geheimnis all jener E-Gitarristen zu sein, die sich nicht ständig in den Vordergrund spielen, sondern wissen, daß sie nur Teil einer Band sind. Immerhin verleitet der Frequenzumfang ihres Instrumentes (82,4 bis 1174,7 Hertz, ohne Obertöne, und damit nach dem Klavier definitiv der "mächtigste" Tonerzeuger) zum "Zu-suppen" einer jeglichen Soundbrühe.

Gitarren werden seit dem 17. Jahrhundert gebaut. Den Vorgänger des Instrumentes, den orientalischen Ud, gibt es etwas länger, aber er hat nie eine vergleichbare Bedeutung erlangt; auch die indische Sitar ist älter, die ihre internationale Achtung erst im Dezember 1965 erlangte, als Beatles-Gitarrist George Harrison sie auf "Rubber Soul" einsetzte. Die moderne Abendlandversion der Zupfinstrumente, die E-Gitarre eben, hat das Rennen gemacht.

Natürlich gilt: Kein Spiel ohne Spieler. "It's the singer, not the song", behauptete Mick Jagger. Analog dazu gilt: Das beste Instrument nützt in den Händen eines gefühllosen Anwenders gar nichts; es muß nicht nur klingen, es muß singen; und Berge von Effektgeräten machen keine Musik, im Gegenteil, häufig zerstören sie sie. Lange vor der Erfindung von Instrumenten (die ersten der Gattung waren hölzernes Schlagwerk) machte allein die menschliche Stimme "Musik", und vielleicht haben auch jene Romantiker nicht unrecht, die selbst Vogelgezwitscher dafür halten.

 

 

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